22. Juni 2026

CEO-Interview

Im Januar 2026 startete Dr.-Ing. Alexandra Bendler als neue CEO bei der RONAL GROUP.

In einem Exklusiv-Interview mit dem deutschen Fachpressemedium NEUE REIFENZEITUNG (www.reifenpresse.de) gab die neue CEO Einblicke in die zukünftigen Entwicklungen und zog eine erste 100-Tage-Bilanz.

NEUE REIFENZEITUNG:
Frau Dr. Bendler, Sie haben das Ruder bei Ronal in einer Zeit übernommen, in der die Automobilindustrie unter massivem Kostendruck steht. Wenn Sie heute in Ihren Kalender vom 1. Januar schauen: Welcher Termin oder welche Erkenntnis hat Ihre ursprüngliche 100-Tage-Planung am stärksten über den Haufen geworfen?

Dr.-Ing. Alexandra Bendler
Das ist ein Aspekt, warum mich die Automobilindustrie seit vielen Jahren fasziniert – sie ist hochdynamisch. Man folgt keinem starren Plan, sondern ist jederzeit gefordert, Zusammenhänge zu hinterfragen, Prioritäten neu zu setzen und schnell zu reagieren, ohne den Fokus zu verlieren.

Als neue CEO zu starten bedeutet für mich, sehr schnell viel kennenzulernen und gleichzeitig ins operative Geschäft einzusteigen. Werks- und Standortbesuche sind dabei ebenso wichtig wie die Prüfung bestehender Commitments, gelebte Führungskultur und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten. Mein Anspruch ist es, schnell wirksam zu werden – Schonfristen gibt es in dieser Rolle nicht.

Ich bin begeistert von der Motivation und Kompetenz, die ich in der ganzen Mannschaft spüre. Wir sind gut aufgestellt für die Herausforderungen der Transformation in der gesamten Branche. Meine 100-Tage-Planung wurde daher nicht über den Haufen geworfen, sondern eher geschärft. Wir verfügen über eine klare strategische Basis mit einer Vielzahl an Initiativen. Diese priorisiere ich aktuell gemeinsam mit meinem Team, um Tempo und Wirkung weiter zu erhöhen.

NEUE REIFENZEITUNG:
Ihr Vorgänger Oliver Brauner hat das Unternehmen fast zwei Jahrzehnte lang geprägt. Wie viel „Brauner“ steckt heute noch in der Ronal-Strategie, und wo haben Sie in den ersten Monaten bereits den „Bendler-Kurs“ eingeschlagen?

Dr.-Ing. Alexandra Bendler
Ronal hat eine lange Historie und steht für Werte, die mir wichtig sind: Unternehmertum, Vertrauen, Wertschätzung, Respekt, Leidenschaft und Disziplin. Auch strategisch sind profitables Wachstum, innovative Produkte und die Stärkung der Widerstandsfähigkeit des Unternehmens weiterhin zentrale Prioritäten. Aber natürlich ist es mein Anspruch, als neue CEO hier neue Akzente zu setzen und unseren Werten und Alleinstellungsmerkmalen mehr Schärfe und Schlagkraft zu verleihen. Insbesondere in einem Wettbewerbsumfeld, dass von denen beherrscht wird, die schnell, auf den Punkt kommend und in Erfüllung von Kundenerwartungen einen Schritt voraus sind.

Mein Fokus beim CEO-Wechsel liegt darauf, klare Signale für Veränderung und Aufbruch zu setzen. Die gesamte Branche ist in einer Transformation und es gibt grossartige Chancen für uns, hier gemeinsam mit unseren Kunden die Neuausrichtung zu gestalten. Dabei ist mein Anspruch, die strategische Weiterentwicklung konsequent voranzutreiben und die Umsetzungsgeschwindigkeit zu erhöhen. Unser Massstab dabei bleiben die Anforderungen unserer Kunden und unsere Positionierung als verlässlicher, langfristiger Partner. In einem anspruchsvollem Umfeld, wo andere zögern und verhalten sind, wollen wir schnell und ambitioniert sein.

Gemeinsam mit dem Geschäftsleitungsteam haben wir bestehende Initiativen überprüft und gezielt nachgeschärft – insbesondere bei Technologie-Roadmaps, der Erschliessung neuer Märkte und bei der Operational Excellence. In einem stagnierenden Markt entscheidet zunehmend die Umsetzungsgeschwindigkeit – deshalb priorisieren wir konsequent und reduzieren Komplexität dort, wo sie Wirkung bremst.

NEUE REIFENZEITUNG:
Ronal gehört zu den Weltmarktführern bei Leichtmetallrädern. Doch die Konkurrenz, vor allem aus dem asiatischen Raum, schläft nicht. Werden wir unter Ihrer Führung erleben, dass Ronal über das Rad hinauswächst? Sehen Sie Potenzial für andere Strukturkomponenten aus Aluminium, ähnlich wie bei Ihren früheren Stationen?

Dr.-Ing. Alexandra Bendler
Das Rad ist und bleibt unser Kern – technologisch, industriell und auch als Teil unserer Identität. Dort sind wir stark, dort differenzieren wir uns, und dort sehen wir weiterhin erhebliches Innovationspotenzial, gerade durch Leichtbau, Aerodynamik, Materialien und NachhaltigkeitDiversifikation ist in volatilen Zeiten grundsätzlich ein probates Mittel, um Schwankungen abzufedern. Gleichzeitig bleibt das Rad unser klarer Kern, auch wenn wir natürlich nach links und rechts schauen und sicher nicht abgeneigt gegenüber attraktiven Opportunitäten sind, wenn es einen strategischen Fit für uns gibt.

Erste Priorität bleibt unser Kerngeschäft, in dem wir noch erhebliches Potenzial sehen: etwa durch einen stärkeren Fokus auf Schmiederäder, die Weiterentwicklung unserer Guss-Technologien, den Ausbau des Aftermarket-Geschäfts sowie durch effizientere Produktionstechnologien und innovative Legierungen mit verbesserter CO₂-Bilanz. Unser Anspruch ist es nicht nur, technologisch innovativ zu sein, sondern Innovation schneller und effizienter zu industrialisieren als der Markt.

Natürlich beobachten wir angrenzende Anwendungen sehr genau. Aber wir werden uns nur dann über das Rad hinaus entwickeln, wenn wir dort dieselbe technologische Tiefe und Wettbewerbsstärke erreichen können. Wir wollen im Kernsegment Weltklasse bleiben – und selektive Expansion nur dort betreiben, wo sie diesen Anspruch stärkt.

Aus der RONAL GROUP Sicht sind wir mit unserem zweiten Standbein – dem RONAL Bathrooms Geschäft – bereits diversifiziert und sehen auch hier neben unserem Automotive-Fokus zukünftige Wachstumspotentiale.

NEUE REIFENZEITUNG:
Die E-Mobilität verlangt nach Aerodynamik und extremem Leichtbau. Kritiker sagen, das klassische Design-Rad verliere an Bedeutung zugunsten der Effizienz. Wie retten Sie die „Emotion Rad“ in das Zeitalter der Reichweitenoptimierung?

Dr.-Ing. Alexandra Bendler
Genau hier zeigen sich unsere Alleinstellungsmerkmale und unser Anspruch der Marktführerschaft. Für mich sind die Zukunftsanforderungen kein Widerspruch, sondern der Ansporn, einzigartige Lösungen am Markt zu platzieren. Die  E-Mobilität verschiebt die Anforderungen noch klarer Richtung Aerodynamik und Leichtbau – das ist technisch zwingend. Wir setzen dieses mit einzigartigen Designs, innovativen Farb- und Oberflächenkonzepten um, die unsere Kunden für ihre «Brand recognition» nutzen. Ich sehe darin aber keinen Verlust an Emotion, sondern eine Transformation.

Emotion entsteht nicht ausschliesslich durch Design im klassischen Sinne, sondern auch durch erlebbare Technologie. Wenn Effizienz sichtbar wird – etwa durch innovative Strukturen, Oberflächen oder intelligente Designlösungen – entsteht eine neue Form von Faszination. Gleichzeitig kann das Rad stärker Teil der Markenidentität werden: zum Bespiel durch Oberflächen oder Individualisierung.

Gerade im EV-Zeitalter, in dem Antriebsgeräusche wegfallen, gewinnen visuelle und haptische Differenzierungsmerkmale sogar an Bedeutung. Wir «retten» die Emotion also nicht – wir entwickeln sie weiter. Effizienz und Nachhaltigkeit werden Teil der emotionalen Markenwirkung. Und unser Claim «Great passion for great wheels» ist unser Anspruch, Versprechen und Alleinstellungsmerkmal zugleich, um unsere Kunden in allen Aspekten zu überzeugen.

NEUE REIFENZEITUNG:
Das Ziel ist die CO₂-Neutralität bis 2050. Angesichts der verschärften EU-Regularien und des Drucks der OEMs: Ist 2050 nicht eigentlich viel zu spät? Planen Sie, die Schlagzahl bei der Verwendung von Sekundär-Aluminium (Recycling) drastisch zu erhöhen?

Dr.-Ing. Alexandra Bendler
Nachhaltigkeit ist ein zentrales und dynamisches Thema, das erhebliche Chancen bietet – sowohl in der Weiterentwicklung unserer Legierungen als auch in unseren Produktionsprozessen. Nachhaltigkeit ist für uns kein Zusatz, sondern integraler Bestandteil unserer Wettbewerbsfähigkeit und unserer technologischen Weiterentwicklung. Transformation beginnt nicht erst im Zieljahr, sondern jetzt. Die Regulierung der Europäischen Union beschleunigt den Wandel, aber echte Transformation kommt aus Überzeugung, nicht aus Druck.

Sekundär-Aluminium ist dabei ein wesentlicher Hebel, um die CO₂-Intensität deutlich zu reduzieren. Entsprechend erhöhen wir den Einsatz kontinuierlich – stets unter Berücksichtigung von Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen unserer Kunden. Wenn Kunden sehen, dass High Performance und Kreislaufwirtschaft zusammen funktionieren, entsteht echte Markenemotion. Nachhaltigkeit ist damit kein Zusatz – sie wird Teil der Identität und des Produktstolzes.

NEUE REIFENZEITUNG:
Nachhaltigkeit kostet Geld. Inwiefern sind die großen Automobilhersteller im aktuellen Marktumfeld überhaupt bereit, einen Aufpreis für ein „grünes Rad“ zu zahlen?

Dr.-Ing. Alexandra Bendler
Nachhaltigkeit ist ein gemeinsames Ziel der Branche, und wir arbeiten eng mit unseren Kunden zusammen, um die Produkte der Zukunft zu definieren.

Kurzfristig wird selten ein pauschaler «Green Premium» bezahlt. Gleichzeitig sehen wir, dass Nachhaltigkeitskriterien zunehmend Teil der Vergabeentscheidungen werden. Wer CO₂-Transparenz, Recyclingquoten oder belastbare Daten nicht liefern kann, hat im Wettbewerb Nachteile – unabhängig vom Preis.

Der Markt verschiebt sich deshalb von «Aufpreis für grün» zu «Kosten für nicht nachhaltig sein». Und genau dort entsteht langfristig Mehrwert – für OEMs und für RONAL und natürlich ganz entscheidend für den Endkunden. Wenn Nachhaltigkeit bei der Kaufentscheidung für das nächste Fahrzeug eine zentrale Rolle spielt, sind wir gemeinsam auf dem richtigen Weg.

NEUE REIFENZEITUNG:
Sie kommen von großen Konzernen wie Autoneum und Constellium zu einem Unternehmen, das stark durch seine Stiftungsstruktur und langfristiges Denken geprägt ist. Was war für Sie kulturell die größte Umstellung?

Dr.-Ing. Alexandra Bendler
Für Automobil Tier-1 Zulieferer sind die Spielregeln sehr klar. Operational excellence, verlässliche Qualität sowie absolute Leistungsorientierung – da macht eine Stiftungsstruktur keinen Unterschied. RONAL stand immer schon für High Performance und massgeschneiderte Kundenlösungen. Mit unserer jahrzehntelangen Expertise sind wir in verschiedenen Marktsegmenten unterwegs. Hier ist das klare Ziel, uns in allen Segmenten breiter aufzustellen und unser Profil mit neuen attraktiven Produkten zu schärfen. Im Motorsport haben wir vielversprechendes Wachstum, für den Aftermarket haben wir gerade unsere Produktpalette erweitert und auch im Truckbereich konnten wir bereits neue Kunden gewinnen. Im Kerngeschäft mit den OEMs können wir mit unseren Innovationen punkten.

Wir wollen aber nicht nur im Wettbewerb bestehen, sondern die Zukunft der Branche aktiv gestalten. Profitabilität ist die Basis, um in unsere Zukunft investieren zu können. Dabei haben wir bei RONAL sicher einen Vorteil mit unserer Eigentümerstruktur,  welche die Leidenschaft für unsere Produkte und das Unternehmen teilt. Es ist inspirierend, strategische Initiativen mit Eigentümern voranzutreiben, die sich klar und langfristig zur Automobilindustrie und ihren Herausforderungen bekennen.

NEUE REIFENZEITUNG:
Ronal beschäftigt Tausende Mitarbeiter an Standorten von Mexiko bis Taiwan. Wie haben Sie es geschafft, in 100 Tagen eine Verbindung zu den Menschen in den Werken aufzubauen, die vielleicht besorgt auf die Transformation der Branche blicken?

Dr.-Ing. Alexandra Bendler
Kommunikation und Präsenz sind für mich zentral. Ich habe mehrere Standorte persönlich besucht und Townhall-Meetings durchgeführt – sowohl vor Ort als auch hybrid. Das globale Management Team hat mich bereits an Tag 1 kennengelernt, monatlich stehen wir in direktem Austausch. Zusätzlich kommuniziere ich regelmässig über unser Intranet und habe die Kategorie „CEO News“ eingeführt, um Einblicke in meine Prioritäten und Entscheidungen zu geben.

Mir ist wichtig, transparent zu sein und Vertrauen aufzubauen. Nur so können Glaubwürdigkeit und Authentizität  von meiner Mannschaft wahrgenommen werden. Wir sind ein globales Unternehmen und sind stolz auf unsere Vielfalt. Das globale Setup ermöglicht es uns, unsere Kunden in den verschiedenen Regionen „local for local“ zu bedienen. Wir leben eine Kultur, in der wir die Vorteile unseres globalen Produktionsnetzwerks nutzen. Daneben stellen wir sicher, dass wir die Synergiepotenziale nutzen und effiziente Lösungen schnell über die verschiedenen Standorte ausrollen. Immer mit dem Ziel vor Augen – noch besser, noch schneller und noch attraktiver für unsere heutigen Kunden und die Kunden von morgen zu werden.

NEUE REIFENZEITUNG:
Zum Abschluss: Wenn wir uns in einem Jahr wieder zusammensetzen – an welcher Kennzahl möchten Sie gemessen werden?

Dr.-Ing. Alexandra Bendler
Ich will messbaren Fortschritt erzielen. Dieses muss sich in der Wertschätzung unserer Kunden widerspiegeln – und messen lassen können wir uns an Supplier Scores, aber auch am wachsenden Marktanteil.

Wenn wir unsere Kunden begeistern und mitreissen, werden wir das in der Auslastung unserer Werke spüren.  Natürlich ist auch die Profitabilitätssteigerung eine zentrale Messgröße für Erfolg. Wir sind ein Industrieunternehmen und handeln unternehmerisch. Profitabilität ist die Basis, um das Unternehmen langfristig abzusichern und erfolgreich zu machen. Ich will mich aber auch an der Zufriedenheit meiner Mitarbeitenden messen lassen, die mit viel Engagement und Herzblut unser Unternehmen voranbringen. Ohne die Leidenschaft der Mannschaft können wir nicht über uns hinauswachsen. Mir ist wichtig, dass die Mitarbeitenden unsere Strategie und Richtung verstehen und Vertrauen in unser Unternehmen haben, um Top-Leistung zu bringen.